Endlich ist es soweit ‒ Die Einführung der neuen Titelzusätze «Professional Bachelor» beziehungsweise «Professional Master» wird grosse Auswirkungen auf die Schweizer Weiterbildungsbranche haben. Und die Wahrnehmung der höheren Berufsbildung nachhaltig verändern.
Die Schweizer Bildungslandschaft erlebt am 1. Oktober 2026 einen der bedeutendsten Meilensteine der vergangenen Jahre. Mit dem Inkrafttreten des Massnahmenpakets zur Stärkung der höheren Berufsbildung erhalten Absolventinnen und Absolventen eidgenössischer Berufsprüfungen, höherer Fachprüfungen sowie Höherer Fachschulen offiziell die neuen Titelzusätze «Professional Bachelor» beziehungsweise «Professional Master». Gleichzeitig werden weitere Massnahmen umgesetzt, welche die höhere Berufsbildung insgesamt sichtbarer und international verständlicher machen. Jetzt mögen einige vielleicht denken, dies sei «nur» wieder ein Weg um Titel zu vergeben. Aber: Es dürfte die Wahrnehmung der höheren Berufsbildung nachhaltig verändern – bei Arbeitgebenden, Studierenden, Bildungsanbietern und im internationalen Umfeld.
Jahrelanger Kampf um Anerkennung und richtige Einordnung der Diplome
Die Diskussion um international verständliche Titel begleitet die höhere Berufsbildung seit vielen Jahren. Berufsverbände, Bildungsanbieter und zahlreiche Unternehmen kritisierten immer wieder, dass eidgenössische Fachausweise, eidgenössische Diplome und HF-Abschlüsse ausserhalb der Schweiz nur schwer einzuordnen seien.
Während Hochschulabsolventinnen und -absolventen weltweit sofort mit den Begriffen Bachelor oder Master in Verbindung gebracht werden, mussten Schweizer Berufsleute häufig lange erklären, was ein eidgenössischer Fachausweis oder ein Diplom HF überhaupt bedeutet. Dabei handelt es sich keineswegs um Abschlüsse zweiter Klasse. Im Gegenteil: Die höhere Berufsbildung gehört zu den grossen Erfolgsfaktoren des Schweizer Bildungssystems. Sie baut konsequent auf Berufserfahrung auf und bildet Fach- und Führungskräfte aus, welche Verantwortung übernehmen und Unternehmen unmittelbar weiterbringen. Gerade im internationalen Wettbewerb war diese Stärke jedoch oft unsichtbar.
Der Druck wurde immer grösser
Dass der Bund nun handelt, überrascht deshalb kaum. Bereits verschiedene Branchen hatten eigene Lösungen gesucht. Besonders viel Aufmerksamkeit erhielt der Berufsverband VEB, der bereits 2023 für seine Mitglieder eigene Zertifikate mit den Bezeichnungen «Bachelor Professional» und «Master Professional» einführte. Dieses Vorgehen zeigte deutlich, wie gross der Wunsch nach international verständlichen Titeln geworden war. Mit der nun beschlossenen bundesweiten Lösung schafft der Gesetzgeber endlich Klarheit und verhindert gleichzeitig einen Flickenteppich unterschiedlicher Bezeichnungen.
Ab 1. Oktober 2026 dürfen sämtliche Inhaberinnen und Inhaber eines eidgenössischen Fachausweises oder eines Diploms HF den Titelzusatz Professional Bachelor verwenden. Absolventinnen und Absolventen einer höheren Fachprüfung mit eidgenössischem Diplom dürfen künftig den Titelzusatz Professional Master führen. Wichtig dabei: Der Titelzusatz ersetzt den bisherigen geschützten Titel nicht, sondern ergänzt ihn. So wird beispielsweise aus einer Ausbilderin mit eidg. Fachausweis künftig «Ausbilderin mit eidg. Fachausweis, Professional Bachelor». Auch Personen, welche ihren Abschluss bereits vor Jahren erworben haben, dürfen die neuen Titelzusätze verwenden.
Ein Gewinn für die gesamte Weiterbildungsbranche
Die Auswirkungen reichen weit über die Titel selbst hinaus. Für Anbieter von Höheren Fachschulen und von Vorbereitungslehrgängen auf Berufsprüfungen und Höherer Fachprüfungen entsteht eine völlig neue Ausgangslage. Viele Interessierte verglichen bisher häufig ausschliesslich Hochschulabschlüsse mit Bachelor-oder Masterbezeichnungen. Dabei wurde die höhere Berufsbildung trotz ihrer hohen Praxisorientierung oft unterschätzt. Ein international verständlicher Titel erleichtert nicht nur Bewerbungsgespräche, sondern erhöht auch die Attraktivität entsprechender Lehrgänge. Bildungsanbieter erhalten damit ein zusätzliches Argument, um qualifizierte Berufsleute für einen nächsten Karriereschritt zu gewinnen. Gerade in Zeiten des Fachkräftemangels dürfte dies erhebliche Auswirkungen haben. Unternehmen suchen heute keine Theoretiker, sondern erfahrene Fachpersonen, die Verantwortung übernehmen und Projekte unmittelbar umsetzen können. Genau diese Zielgruppe bildet die höhere Berufsbildung seit Jahrzehnten erfolgreich aus.
Praxis- und Umsetzungskompetenz wird noch sichtbarer
Ein wesentlicher Unterschied zwischen Hochschulen und höherer Berufsbildung bleibt jedoch bestehen: Während Hochschulen primär wissenschaftlich ausgerichtet sind, basiert die höhere Berufsbildung konsequent auf beruflicher Praxis. Die Studierenden stehen meist mitten im Berufsleben, übernehmen Führungsverantwortung oder leiten anspruchsvolle Projekte. Diese Verbindung von Berufserfahrung und Weiterbildung macht das Schweizer Modell international einzigartig. Mit den neuen Titelzusätzen wird diese Qualität künftig einfacher kommunizierbar, ohne die Eigenständigkeit des Systems aufzugeben.
Das Massnahmenpaket stärkt gleichzeitig die Marke «Höhere Fachschule». Künftig dürfen sich ausschliesslich Bildungsinstitutionen mit mindestens einem eidgenössisch anerkannten HF-Bildungsgang offiziell «Höhere Fachschule» nennen. Damit wird die Qualität nach aussen klarer sichtbar und Missbrauch verhindert. Zusätzlich erhalten Höhere Fachschulen grössere Flexibilität bei Nachdiplomangeboten. Auch dies dürfte die Innovationskraft der Bildungslandschaft erhöhen.
Ein Signal für den Bildungsstandort Schweiz
Wichtig: Die neuen Titel schaffen keine akademischen Bachelor- oder Masterabschlüsse und verändern auch die bestehenden Zulassungsregeln zu Hochschulstudiengängen nicht. Sie dienen vielmehr dazu, das Niveau der höheren Berufsbildung innerhalb der Tertiärstufe verständlicher sichtbar zu machen und international besser einordnen zu können.